Vor vielen und vielen Jahren wurde

um die Mitternachtsstunde,

so erzählt die Sage, die Ruhe der

Bewohner der Stadt Sitten

sehr oft gestört.

 

In der wohllöblichen Stadt hausten

nämlich lange Zeit drei Ungeheurer;

das dreibeinige Ross, die

schwarzäugige Rathausfrau und

der rote Stier.

Wo die Rathausfrau sich aufhielt,

sagt schon der Name. Auch liess

sie ihr Grunzen nächtlich ertönen

in einem der beiden Gässchen,

die neben dem Hause de Platea

treppenartig in die

untere Stadt führen. In dem

andern dieser Gässchen lagerte

der rote Stier.

 

Das dreibeinige Ross, mit einem

glühenden Auge mitten in der

Stirne, hatte sein Stammquartier

im Stadtviertel Malacuria. Es

taumelte sich oft in einem Baumgarten

hinter der Saviese-Gasse

und, wo es sich wallete, spross

kein Gras mehr.

Am ärgsten trieb es den Spuck

auf der grossen Brücke. Diese

war bekanntlich beim Rathaus

für die Kreuz-Gasse vom Schlossplatz

herunter ziemlich breit angelegt,

um das rechte und linke

Ufer der Sitte miteinander zu

verbinden. In der übrigen Stadt

führten nur schmale Holzbrücken

über den Fluss,

darum hiess, wie noch jetzt,

die Brücke beim Rathaus die grosse.

Damals fragte wohl Niemand,

auf der Mitte derselben

stehend, wo nun auch in

Sitten «die grosse Brücke»sei.

 

Als nun eines Abends das dreibeinige

Ross es wieder ärger

machte als gewöhnlich, fasste

ein Waghals, des Lärmens überdrüssig,

den Entschluss, hinaus

zu gehen und zu versuchen, ob

das lästige Ross zum Reiten auch

tauge. Aller Abmahnungen

ungeachtet wagte er sich heraus

und zu ihm heran. Der Verwegene

ward willig aufgenommen

und munter Strasse auf- und abgetragen.

Das war ein herrliches Fahren!

 

Aber das unheimliche Ross wurde

immer grösser und stieg mit

dem Reiter sichtlich in die Höhe.

Als es gross und hoch genug war,

lenkte es unerwartet schnell auf

das Rathaus zu. H ier zerschellten

Ross und Reiter und gingen samt

Rathaus in Flammen auf.

 

Als man nach der grossen Feuersbrunst

den Schutt aufgrub,

wegräumte und anfing wieder zu

bauen, entdeckte man unter

dem Hause de Platea eine unterirdische

Gruft und darin drei Ritter

am Kartenspiel. Wie man sie

berührte, zerfielen sie alsbald in

Staub und Asche.

Seither hat man die schwarzäugige

Rathausfrau, den roten Stier

und das dreibeinige Ross nicht mehr gesehen